„Ach komm, du mit deinen (damals) 26 Jahren… Bist doch noch jung. Stell dich nicht so an. Das geht vorüber.“ Oder auch „Die simuliert doch. Die hat kein Bock zu arbeiten. Schön gelben Schein machen.“ Jaja..  All das habe ich mir die letzten zwei Jahre zu Ohren kommen oder mir von anderen Leuten zutragen lassen.

Alles fing damit an, dass ich immer wieder Kopfschmerzen hatte. Keine „das-Wetter-schlägt-um-Kopfschmerzen“, sondern richtige Kopfschmerzen, die mich unfähig machten, klar zu denken und sich meinen Körper taub anfühlen ließen. Keine Schmerztablette blieb drin, da mir sofort übel wurde. Dennoch musste ich mich diesen einen Tag im Juni 2014 aufraffen, um Urlaubsübergabe mit einer ehemaligen Kollegin zu machen. Ihre Worte schwirrten um meinen Kopf herum und kamen nicht hinein. Mein Gesicht kribbelte und nur darauf konnte ich mich konzentrieren. Mit den Worten „Wird schon klappen. Wünsche Dir einen schönen Urlaub.“ fuhr ich mit meinem Büromülleimer bewaffnet, wieder nach Hause. Im Nachhinein betrachtet, war dies unverantwortlich von mir. Zu Hause angekommen wartete mein Mann auf mich. Ich hatte ihn gebeten, nach Hause zu kommen. Wir fuhren gemeinsam zum Chiropraktiker, da der Schmerz vom Rücken kam, sich über den Nacken und Hinterkopf zog und letztendlich in der Stirn bzw. in den Augen endete. Es sollte überprüft werden, ob es sich um eine Blockade handelt. Mein Körper war aber frei von jeglichen Verspannungen und Blockaden. Zum Glück hatte er ein Blutdruckmessgerät in der Praxis und hat mir so vermutlich mein Leben gerettet. Das Gerät zeigte einen Blutdruck von 230 / 150 an! Und das vermutlich seit Wochen. Normalerweise ist ein Blutdruck bis 140 / 90 ok. Der Chiropraktiker geriet etwas in Panik und bestand darauf, einen Krankenwagen zu rufen. Ich lehnte ab. Es war alles schon aufregend genug. So fuhr mein Mann mit mir ins nächstgelegene Krankenhaus. Sofort wurde ich in der Notaufnahme aufgenommen und mein Blutdruck mit einem Medikament innerhalb einer Stunde herunter geholt. Endlich hörten die Kopfschmerzen auf. Leider blieb der Blutdruck nicht unten, sodass ich stationär aufgenommen wurde. Es stand leider das lange Pfingstwochenende an, sodass keine Untersuchungen gemacht wurden. Als die Feiertage vorbei waren, wurde mein Herz untersucht – ohne Befund. Außerdem wurde festgestellt, dass ich eine Schilddrüsenunterfunktion habe. Ich wurde also mit Blutdruck- und Schilddrüsentabletten und mit der Bitte, mich beim Endokrinologen vorzustellen, entlassen. Gesagt, getan. Dieser „Spezialist“ riet mir, die Schilddrüsentabletten abzusetzen, da es eventuell nur eine beginnende Unterfuntion sei. Auch hier wieder: gesagt, getan. Probleme bereitete mir weiterhin mein Blutdruck. Die Ergebnisse beim Nephrologen und das MRT waren ok. Ich solle mich einfach damit abfinden, dass ich einen hohen Blutdruck habe und ich auf Medikamente angewiesen bin. Es dauerte eine Zeitlang, bis ich richtig eingestellt war, aber bis April 2015 ging es mir wieder gut.

Im Frühjahr 2015 fiel mir auf, dass ich ständig müde bin. Außerdem war ich durchgehend schlecht drauf, unkonzentriert und irgendwie war alles doof. Ich schob es auf die dunkle Jahreszeit. Ende April schwollen mir plötzlich diverse Gelenke an. Hauptsächlich waren meine Finger betroffen. Sie waren rot, heiß und glänzend vor Spannung. Die Blutergebnisse zeigten inzwischen eine hochgradige Schilddrüsenunterfunktion. Soviel zum Tablettenabsetzen… Ich wurde vermehrt depressiv und musste zum Psychologen. Insgesamt war ich 8 Wochen zu Hause. Zwar lief mein Arbeitsvertrag eh aus, aber so hatte ich mir meinen Abgang nicht vorgestellt. Egal, Gesundheit geht vor.

Einige Wochen später wurde die Schwangerschaft bei mir festgestellt. Meiner Frauenärztin habe ich es zu verdanken, dass sie genau die richtige Medikamentierung gefunden hatte, dass es mir bis Juni diesen Jahres durchgehend gut ging.

Plötzlich traten wieder stark geschwollene Gelenke auf. In den Händen, in den Beinen, in den Füßen und Armen. Meine Knie wurden mehrfach punktiert, um mir den Druck zu nehmen. Ich bekam die Diagnose „beginnendes Rheuma“. Der Vorfall aus dem Vorjahr war also ebenfalls ein Rheumaschub. Für „richtiges Rheuma“ habe ich es nicht häufig genug, für „nur geschwollene Gelenke“ ist es zu heftig.

Ich bin also mit meinen mittlerweile 28 Jahren bis zu meinem Lebensende auf Medikamente  angewiesen. Dennoch lasse ich mir davon nicht meinen Lebensmut nehmen. Im Gegenteil: Durch unseren Sohn genieße ich den Alltag umso mehr. Er lässt vieles vergessen und erträglicher machen. Er ist zwar noch klein, aber ein großer Energiespender!

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Ein Gedanke zu “Der tägliche Griff zur Medikamentenbox 

  1. Ein toll geschriebener Beitrag. Dein Leben lang Medikamente nehmen zu müssen ist echt übel und ich hoffe es geht dir soweit wie möglich gut. Einfach klasse das du deine Lebensfreude und Energie durch deinen Sohn weiter erhältst. Alles Liebe und Gute Jasmine

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