… und dann stand ich im Verhör. Festgenommen von der Stillpolizei. Mit einem herablassenden Blick wurde ich von oben bis unten abgecheckt. Tatverdacht: Vergiftung. Tatwaffe: Milchpulver. Doch wie genau kam es dazu? Machen wir eine kleine Zeitreise…

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Im Juli 2015 erfuhren wir von meiner Schwangerschaft. Immer wieder ertappte ich mich, wie ich schon diverse Szenarien durchging und plante: mit dem Baby einen Ausflug machen, essen gehen, verreisen… Stets dabei meine prall gefüllte Milchbar. Allzeit bereit, kostenlos und vorallem gesund. So sollte es sein. Ich wollte unbedingt stillen.

Als unser Sohn im April 2016 verspätet nach über 60 Stunden Wehen durch Geburtseinleitung zur Welt kam, war ich platt. Etliche Male habe ich ihn angelegt, aber er wusste nicht so recht, was und wie er es anstellen sollte, um seinen Hunger zu befriedigen. Ich war mir sicher, dass wir nach der Entlassung zu Hause beide entspannter sind und es dann sicherlich klappt.

Wir wurden mit Stillhütchen und einem Rezept für eine Milchpumpe an seinem 3. Lebenstag entlassen. Die Leihdauer der Pumpe betrug 4 Wochen. „Pah, in der Zeit bekomme ich das Melkwerk locker zum Laufen.“ Engagiert legte ich den kleinen Nimmersatt immer wieder an. Legte ich ihn nicht an, habe ich die Pumpe angeworfen. Dann, endlich, schoss die eigentliche Milch samt Milchstau in der Nacht zum 5. Lebenstag ein. Da war sie: die pralle und furchtbar schmerzende Milchbar. Doch weder mit, noch ohne Stillhütchen bekam der Kleine aufgrund seines zu der Zeit sehr ausgeprägten fliehenden Kinns die Brust zu fassen. Total ärgerlich. Entsprechend war sein Geheule groß. Hunger! Schnell! Entweder hatte ich vorher schon abgepumpt und musste es nur kurz erwärmen oder ich musste schnell abpumpen, in der Hoffnung, zügig genug Milch beisammen zu haben.

In den ersten 2 Wochen stand so unendlich viel Besuch zum Babygucken an. Jedes Mal hieß es: „Stillst du?“ Ich versuche es, sehnlichst. Ich hätte so gern gesagt: „Ja, klappt seit dem ersten Tag super! So, wie ich es wollte.“ Mir blieb nur weiter probieren und hoffen. An einem schwachen Tag, an dem mich zu allem Überfluss ein Hauch von Babyblues überkam, war ich der Verzweiflung nahe: Der Kleine hatte ständig Hunger und ich wurde das Gefühl nicht los, dass sich bei jeder Oktave, die er höher schrie, eine Milchdrüse mehr verschloss. Und genau an diesem Punkt ereignete sich das Verbrechen: Ich griff das erste Mal zum Milchpulver, welches ich vorsichtshalber besorgt hatte, und rührte weinend eine Mischung an. Ich war so enttäuscht, dass es nicht so funktionierte, wie ich es wollte. Ich verfütterte die Portion und es kehrte Ruhe ein. Das Kind war satt und glücklich eingeschlafen. Das erste Mal war er nach über einer Woche richtig pappensatt.

Dennoch wollte ich mich nicht unterkriegen lassen. Ich dachte an nichts anderes mehr. Ich sprach von nichts anderem mehr. Ich wollte mein Kind mit meiner Milch satt bekommen. Diese Einstellung artete in richtigem Stress aus. Trotzdem musste ich immer häufiger zufüttern. Ich schämte mich so. Ich fühlte mich wie der letzte Versager. Aber zeitgleich empfand ich eine innere Erleichterung, wenn der Kleine friedlich nach der Flasche einschlief. Es war nun an der Zeit, mich zu entscheiden: Weiterhin versuchen oder es einfach sein lassen. Ich entschied mich nach Rücksprache mit meinem Mann und meiner Hebamme für die angenehmste Lösung: Mein Baby wird Flaschenkind.

Es dauerte eine Zeitlang, bis ich mich mit dieser Entscheidung angefreundet hatte und es auch gern erzählte. Leider hieß es nun immer häufiger rechtfertigen. Einige Frauen, in diesem Fall die sogenannte Stillpolizei, haben es nämlich immer noch nicht begriffen, dass nicht jede Frau stillen kann oder es vielleicht garnicht vor hatte. Weiterhin wird behauptet, dass „das Zeug“ oder „der Kram“ (nennt es doch einfach Milchpulver) total giftig und lebensgefährlich sei. Leider haben die Ladies nie passende Beweise dabei.

Liebe Stillmuttis, ich beneide euch, dass ihr euer Kind mit den eigenen Mitteln versorgen könnt und ihr mehr Durchhaltevermögen hattet, als ich. Wirklich: Hut ab! Finde ich klasse.

Liebe Stillpolizei, bitte akzeptiert doch einfach die Entscheidung der anderen getreu dem Motto: Leben und leben lassen. Viele von uns haben eben nicht das Glück oder die Kraft, so lange durchzuhalten. Trotzdem sind wir wegen unserer Entscheidung keine schlechten Mütter.

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4 Gedanken zu “Angeklagt

  1. Ich habe auch 3 Monate gestillt mit viel Tränen und weinen meines Babys. Vor dem Montag an dem ich dann zusammengebrochen bin mit einem pausenlos schreienden Kind, habe ich am Wochenende von Freitag bis Sonntag fast pausenlos mein Kind an der Brustkrebs gehabt. Tag und Nacht. Nichts ging. Und dann sein glückliches gesicht nachdem ich ihm Montag abend seine erste Flasche gegeben habe. So in der Richtung danke Mama ich bin endlich mal satt und zufrieden mit einem vollen Bauch. Und dies dankbare Gesicht meines Kindes reicht mir um zu wissen ich hab es richtig gemacht zu wechseln von Brustkrebs auf Flasche.

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  2. Ich habe auch relativ bald aufgegeben, mir war das einfach zu viel Stress.
    Und ich hatte so oft das Gefühl mich rechtfertigen müssen. Dabei gibt es
    einfach gar keinen Grund dafür. Für mein Kind ist es das Beste und Punkt.
    Dabei musste ich leider echt feststellen, dass es kaum etwas intoleranteres gibt
    als die sg.Stillpolizei

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